Kurioses und Wissenswertes über Altötting

Von der Musik des 24. September 1944

Der 24. September wird in Altötting eher mit dem Gedenktag des Heiligen Ruperts in Verbindung gebracht. Mit dem Ehrenkanonikatsstift St. Rupertus für pensionierte Priester und mit der Rupertikapelle in der Pfarrei St. Josef verfügt die Wallfahrtsstadt über zwei prominente Einrichtungen, die dem „Apostel der Bayern“ geweiht sind.

1944 dagegen, mitten in der Endphase des 2. Weltkrieges, gab es am 24. September, einem Sonntag, zwei musikalische Ereignisse, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Blicken wir zuerst nach Altötting: Um 19.30 Uhr lud die Stadt Altötting zu einem „Meisterabend“ in den Hubersaal an der Burghauser Straße ein. Zwei international bekannte Künstler gaben sich die Ehre, in Altötting aufzutreten: Maria Landes (spätere Landes-Hindemith) und Fritz Sonnleitner. Maria Landes (1901-1987) war zu diesem Zeitpunkt eine gefeierte Pianistin, die sich dann später als Professorin an der Musikakademie in München einen Namen als Musikpädagogin machte. Der Geiger Fritz Sonnleitner (1920-1984) dagegen war ein waschechter Altöttinger, der im Genossenschaftsbau an der Trostberger Straße aufwuchs und der sein musikalisches Talent vom Vater geerbt hatte, der als Trompeter in der Stadtkapelle Schacherbauer mitwirkte. Er wurde auf dem überlieferten, schlichten Programmzettel als „Konzertmeister Krakau“ vorgestellt. Diese Stelle trat er erst zwanzigjährig 1940 an, kriegsbedingt musste er sie 1944 aufgeben. Nach fünfjähriger russischer Kriegsgefangenschaft war Sonnleitner ab 1950 Konzertmeister bei den „Münchner Philharmonikern“. Daneben gründete er 1958 das bekannte „Sonnleiter-Quartett“. Die Sonnleitnerstraße im Münchner Norden erinnert noch heute an diesen musikalischen Sohn Altöttings.

Beinahe als Kontrastprogramm zum bitteren Kriegsgeschehen im September 1944 liest sich die Liedfolge: „Frühlings-Sonate“ von Beethoven, „Rondo“ von Mozart, „Nocturne“ von Chopin, dazu noch temperamentvolle spanische, slawische und italienische Volkstänze. Sicherlich halfen die fröhlichen Klänge die Besucher, unter ihnen vielleicht auch verwundete Soldaten aus den Alt-Neuöttinger Lazaretten, für eine gewisse Zeit auf andere Gedanken zu bringen und die Kriegssorgen in den Hintergrund treten zu lassen.

100 Kilometer westlich von Altötting gab es zur gleichen Zeit ein anderes Musikereignis. Ebenfalls am 24. September 1944 erfolgte im Konzentrationslager Dachau die heimliche Uraufführung der so genannten „Dachauer Messe“. Der Benediktinerpater Gregor Schwake (1892-1967) hatte diese Komposition für Männerchor und Blechbläser in den Wochen zuvor im „Priesterhäftlingsblock“ des KZ geschaffen, wo die Nazis Ende 1940 alle inhaftierten Geistliche aus sämtlichen Lagern zusammenlegten. Schwake gilt als einer der Vorreiter des liturgischen Volksgesangs, welcher erst nach den Gottesdienstreformen des 2. Vatikanischen Konzils allgemein eingeführt wurde. Im Rahmen einer NS-Aktion gegen Ordensleute wurde er im Oktober 1943 verhaftet und später nach Dachau gebracht, wo er unter anderem den Priesterchor leitete und als Organist in der Barackenkapelle eingesetzt war. Seine „Dachauer Messe“ galt lange Zeit als verschollen und wurde erst 1995 wiederentdeckt und 1997 erstmals öffentlich aufgeführt.

Wie sehr auch die Musik in beiden Fällen möglicherweise ihre heilende Wirkung entfalten konnte, am nächsten Tag, dem 25. September 1944, wurden die Altöttinger wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. An diesem Tag erfolgte der „Erlass des Führers über die Bildung des Deutschen Volkssturms“, in dem „alle waffenfähigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren“ aufgerufen wurden, „den Heimatboden mit allen Waffen und Mitteln zu verteidigen“.

Vom Fotoalbum eines Seligen

Die Abläufe einer Papstwahl sind festzementiert in den Protokollbüchern des Vatikans: Konklave, weißer Rauch, Bekanntgabe auf der Loggia des Petersdom und freudiges Erwarten durch die anwesenden Gläubigen, die sich auf dem Petersplatz bis weit hinein in die Via Della Conciliazione versammeln. So war es 2005 bei Benedikt XVI. und auch 2013 bei Papst Franziskus. Und doch gab es einen entscheidenden Unterschied zwischen diesen beiden Papstwahlen, den Korrespondenten der Nachrichtenagentur AP auf zwei Fotos festgehalten haben. Beide Male stand der Fotograf an derselben Stelle. 2005 blickte er über die neugierig gestreckten Köpfe der Gläubigen hinweg zum Petersdom. Acht Jahre später die gleiche Menschenmenge, doch auf dem Pressefoto sieht man hunderte von Smartphones, Tabletts oder Digitalkameras, die in die Höhe gehalten wurden, um den Moment der Papstvorstellung einzufangen. Wie schnell die Zeiten sich ändern! Wo früher geklatscht wurde, wird heute geknipst – billionenfach.

Noch weniger Fotos gab es zwischen den beiden Weltkriegen in den 1930er Jahren. Erinnerungsbilder aufzunehmen war noch etwas für Profis und ein kostspieliges Unterfangen, denn die erste, leicht zu handhabende Kleinbildkamera der Welt wurde erst 1925 auf der Leipziger Frühlingsmesse vorgestellt, ein Gerät mit dem Namen „Leica“. Noch kostete eine Kamera mehr als ein durchschnittliches Monatsgehalt. So verwundert es nicht, dass sich von einem der größten Ereignisse, die Altötting im 20. Jahrhundert zu verzeichnen hat, kaum private Fotoaufnahmen erhalten haben.

Zwischen dem 28. August und dem 6. September 1930 begingen die Altöttinger die Feierlichkeiten für „ihren“ Bruder Konrad, der am 15. Juni 1930 von Papst Pius XI. in Rom seliggesprochen worden war. Zehnttausende strömten in diesen Tagen nach Altötting, um dem neuen Seligen zu huldigen und vielleicht auch einen Blick auf seinen Sarg und die anwesenden Ehrengäste zu werfen. Und die Pilger wollten diese Erinnerungen auch im Bild festgehalten mit nach Hause nehmen. Doch die allerwenigsten hatten damals einen Fotoapparat. Um dennoch die feierlichen Ereignisse für die Nachwelt zu bewahren, gaben die „Wasserburger Lichtbildwerkstätten“ des Fotographen Josef Käser ein reich bebildertes Album heraus, das die wichtigsten Programmpunkte der Festwoche beinhaltete, allen voran den Festumzug, in dem der Sarkophag des neuen Seligen mit einem Pferdegespann durch die geschmückte Stadt gefahren wurde. Ordensleute, Honoratioren, Schulen, Vereine, Kindergruppen und gläubiges Volk begleiteten die Kutsche.

Das aufwändig gestaltete Album war damals sicher kein billiges Andenken, sondern vielmehr ein kostspieliges Erinnerungsstück. Das vorgestellte Exemplar stammt aus der aufgelösten Niederlassung der Maristen-Schulbrüder in Cham, wo es 90 Jahre sorgsam aufbewahrt wurde. Ob wohl die Abermillionen Digitalfotos, die 2013 auf dem Petersplatz vom neuen Papst Franziskus gemacht wurden, in 90 Jahren noch auf irgendwelchen Computern abgespeichert sind? Es wäre wahrlich ein Wunder!

Christian Haringer

Von Ehrenzeichen und Postwertzeichen

„Ehre, wem Ehre gebührt“ – diesen Spruch kennt man, doch wie kann man einem verdienten Kind der Stadt die Ehre erweisen, die im besten Fall noch über dessen Tod hinaus besteht? Ehrenbürgerwürden sind da ein probates Mittel, zu denen Kommunen gerne greifen, um einen honorigen Mitbürger zu ehren. Oder Denkmäler, Straßennamen und Gebäudebezeichnungen. Werfen wir einen kurzen Blick in unsere Heimatstadt Altötting und picken uns als Beispiel Papst Benedikt XVI. heraus. In Altötting gibt es einen Papst-Benedikt-Platz, eine Papst-Benedikt-Statue, das „Haus Papst Benedikt“ und den Ehrenbürger Papst Benedikt, auch wenn er selbst nicht in Altötting, sondern im 15 km entfernten Marktl am Inn geboren ist.

Für den waschechten Altöttinger Ferdinand Weishartinger, vulgo „Weiß Ferdl“, war man ähnlich aktiv: Neben der Gedenktafel an seinem Geburtshaus gibt es die Weiß-Ferdl-Straße, die Weiß-Ferdl-Mittelschule und noch ein kleines Denkmal an der Burghauser Straße.

Ein einziger gebürtiger Altöttinger hat aber etwas geschafft, was bisher vor ihm noch keinem gelungen ist: Er grüßt von einer Briefmarke! Und jetzt wird es exotisch, müssen wir doch ins knapp 6.500 km entfernte Land Guinea-Bissau reisen, an der westafrikanischen Küste gelegen zwischen Senegal und Guinea und bekannt für seine Cashew-Nüsse. Unter Philatelisten hat das kleine Land einen guten Ruf für seine farbenfrohen, riesigen Briefmarken, die zu allen möglichen und unmöglichen Anlässen aufgelegt werden.

Einer dieser Anlässe war der Tod von Kardinal Paul Augustin Mayer. Der frühere Abt des Benediktinerklosters Metten wurde 1971 in den Vatikan berufen und später zum Kardinalpräfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung ernannt. Mayer starb am 30. April 2010 im Alter von 99 Jahren, er war somit der Älteste im Kardinalskollegium. Das Licht der Welt erblickte Mayer dagegen am 23. Mai 1911 in Altötting. Auch wenn seine Familie – sein Vater war königlich-bayerischer General – schon bald nach Laufen verzog, seiner Geburtsstadt Altötting blieb Mayer ein Leben lang treu. So ziert das Altöttinger Gnadenbild sein Kardinalswappen – und sein Konterfei eben seit 2010 eine Briefmarke.

Vom Fasching hinter Klostermauern

Fasching, Fasnacht, Fastelovend oder Karneval – egal, wie die närrische Zeit auch genannt wird, die unterschiedlichen Namen beziehen sich alle auf die anschließende Fastenzeit, denn jedes Jahr gilt aufs Neue: „Am Aschermittwoch ist alles vorbei!“ Der „Abend vor dem Fasten“ („Fasnacht“, „Fastelovend“) war daher von jeher der Höhepunkt des Faschings, denn schließlich hieß es am nächsten Tag, dem „Fleisch, leb wohl“ zu sagen, auf Lateinisch eben „Carne vale!“.

Bereits der spätantike Kirchenlehrer Augustinus hat in seiner Schrift „Vom Gottesstaat“ als Gegenbild die Herrschaft des Teufels gezeichnet, die letztendlich untergehen muss. Die Kirche gestattete demnach im Mittelalter während des Faschings auch kirchenkritische, gotteslästernde Auswüchse, da ja allen am Aschermittwoch ganz deutlich vor Augen geführt wurde, dass die rechte göttliche Ordnung wieder eingekehrt war.

So verwundert es nicht, dass auch in Altötting Kirche und Fasching kein Widerspruch war. Gerade auch in den Klöstern wurde und wird die närrische Zeit angemessen begangen. Die Chronik des Provinzhauses Heilig Kreuz verzeichnet dazu regelmäßig entsprechende Einträge wie aus dem Jahr 1953: „Lustige Schwestern bereiten uns einen recht netten Unterhaltungsabend an Fasching. Besonders die letzte Nummer des Programms überrascht alle: „Wie schön es einst war“. Wir mussten Tränen lachen.“

Und auch bei den Englischen Fräulein ging es einst hoch her, vor allem die Schülerinnen des Pensionats ließen sich jedes Jahr für die gesamte Klasse eine besondere, einheitliche Maskerade einfallen. Damit die Eltern zu Hause auch etwas vom Faschingstreiben hinter den Klostermauern mitbekamen, ließ man Ansichtskarten drucken, die dann in ganz Bayern verschickt wurden.

Zwei dieser Karten seien hier kurz vorgestellt: 1913 sehen wir alle Mädchen mit Blumenschürze, weißem Kragen und altmodischer Rüschenhaube. 1923 ging man „mit der Zeit“, denn die Mädchen schmückten sich mit Zeigerblatt, Pendelgewichten und einem Rocksaum aus Ziffern. Bei beiden Kostümen drängt sich aber leicht der Verdacht auf, dass es nicht nur um das Feiern des Faschings ging, sondern auch um eine Demonstration der erlernten Nähkenntnisse. Strahlte hier die „rechte Ordnung“ schon etwas in die Faschingszeit hinein?

Christian Haringer

Von der Schneekugel als Museumsstück

Wer träumt nicht davon, das große Flohmarktschnäppchen zu machen, das sich dann als echtes Kunstwerk und Museumsstück herausstellt? TV-Formate wie „Kunst & Krempel“ oder „Bares für Rares“ ziehen daraus ihren Reiz und ihre Beliebtheit beim Publikum. Deshalb mein Rat, quasi als topsicherer Anlage-Tipp: Kaufen Sie sich eine Altöttinger Schneekugel! Ein Design-Objekt mit großer Vergangenheit!

Oder wussten Sie schon, dass die ersten Schneekugeln kurz vor 1900 vom Wiener Chirurgie-Instrumenten-Mechaniker Erwin Perzky hergestellt wurden? Eigentlich wollte er die Beleuchtungsverhältnisse bei Operationen verbessern. Er hatte das alte Prinzip der „Schusterkugel“ im Kopf, also der mit Wasser gefüllten Glaskugel, die das Licht einer hinter der Kugel aufgestellten Kerze besonders gleichmäßig streute. Um die Reflexion des Lichts noch zu erhöhen, fügte er dem Wasser Metallspäne bei. Und dabei kam ihm die Idee mit dem Schnee. In Ermangelung eines solchen griff er zu einigen Grieskörnern und füllte sie zusammen mit einer zufällig herumstehenden Miniatur der Mariazeller Wallfahrtskirche in eine Wasserkugel  – und fertig war der erste Prototyp!

Vom österreichischen Mariazell, einem der „Shrines of Europe“, ist es nicht mehr weit bis unserem bayerischen Altötting und seinen Schneekugeln. Mehrere Generationen von Wallfahrern hatten sie regelmäßig im Gepäck, als sie frohgestimmt den Gnadenort wieder in ihre Heimatorte verließen. Wie die heutigen Verkaufszahlen bei den einschlägigen Devotionalienläden liegen, entzieht sich meiner Kenntnis, der Preis beläuft sich im Schnitt auf 5,90 Euro. Bei Ebay gibt´s die gebrauchten schon deutlich billiger für 1 Euro.

Und ich sage es noch einmal: Schlagen Sie zu! So günstig kommen Sie nie mehr an ein echtes Museumsstück. Denn eines der bayerischen Top-Museen, das weltweit geachtete Bayerische Nationalmuseum in München, hat ungelogen fünf Altöttinger Schneekugeln in seinen Beständen, fein säuberlich inventarisiert: Nummer 2005/201.120, Nummer 2005/201.121, Nummer 2005/201.146, Nummer 2005/201.147 und Nummer 2014/85. Ein Mitarbeiter des Museums hat die Objekte gewissenhaft untersucht und vermessen. Sie stammen allesamt aus dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, sind zwischen 7 und 8,5 cm hoch und aus Plastik und Styropor gefertigt. Was mich allerdings am meisten verblüfft, ist die ermittelte Befüllung: Einmal „Seifenwasser“ und viermal „Wasser (destilliert)“ steht im entsprechenden Registereintrag, der im Internet einsehbar ist. Da muss man schon ein echter Kunstexperte sein, um diesen Unterschied zu erkennen!

Das hier abgebildete Exemplar stammt aus der „Schneekugel-Sammlung Haringer“, die sich gerade im Aufbau befindet, Inventarnummer 1.

Christian Haringer

Von der Altöttinger Spruchkammer und ihren „Persilscheinen“

Was machten in der „guten alten Zeit“ die jungen Burschen, wenn sie den Einberufungsbefehl zum Militär erhielten? Sie rückten in die Kaserne ein und hatten nicht selten eine alte Persilschachtel im Gepäck, denn schließlich wollte die Zivilkleidung, die nun für einige Zeit nicht mehr benötigt wurde, nach der Einkleidung ins Feldgrau nach Hause geschickt werden. So wurde im Soldatenjargon aus dem damaligen „Gestellungsbefehl“ sehr schnell der „Persilschein“.

Einen ganz anderen „Persilschein“ bekam am 18. September 1946 die kaufmännische Angestellte Fräulein Anni Brandl, wohnhaft in Altötting in der Neuöttinger Straße 10. Wir wissen nicht, ob es für sie überraschend war, als sie auf der Postkarte las: „Auf Grund der Angaben in Ihrem Meldebogen sind Sie von dem Gesetz zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. III. 1946 nicht betroffen.“ Erleichtert wird sie wohl auf jeden Fall gewesen sein. Unterzeichnet hat die Karte Herr Karl Förg, seines Zeichens „Der öffentliche Kläger bei der Spruchkammer Altötting“.

Was war der Hintergrund? Im Rahmen der Entnazifizierungsmaßnahmen nach dem 2. Weltkrieg wurden von der bayerischen Staatsregierung in enger Zusammenarbeit mit der amerikanischen Besatzungsmacht in jedem Landkreis so genannte Spruchkammern eingerichtet. Jeder Deutsche über 18 Jahre musste auf einem Fragebogen auflisten, welche Rolle er im 3. Reich gespielt hatte, zum Beispiel, welchen Parteiorganisationen er angehört hatte. Anhand dieser Angaben wurde er dann einer von fünf Kategorien zugeteilt, die von „1. Hauptschuldiger“ über „3. Minderbelasteter“ bis hin zu „5. Entlasteter“ reichten.

Im Landkreis Altötting gestaltete sich die Spruchkammer-Arbeit als ziemlich schwierig. Zuerst mangelte es an Bürgern, die bereit waren, diese Arbeit auf sich zu nehmen, musste man doch Gefahr laufen, den Missmut oder Zorn seiner Mitmenschen auf sich zu ziehen. Es dauerte Monate, bis man endlich im September 1946 die Posten besetzen konnte. Vorsitzender war der zugezogene Politiker Max Heydemann aus Perach, die Aufgabe des Klägers übernahm der 2. Bürgermeister von Neuötting Karl Förg. Die Arbeit der Spruchkammer war recht diffizil und schließlich konnte man es keinem recht machen. Die Militärregierung wetterte, dass man viel zu lasch mit den Nazigrößen im Landkreis umging: „Wenn die lokale Spruchkammer das Entnazifizierungsgesetz weiter so ausübt, werden am Ende nur Adolf Hitler und seine höchsten Minister schuldig sein.“ Andererseits schimpften die Einheimischen, dass in Altötting deutlich höhere Geldstrafen verteilt wurden als in den umliegenden Landkreisen.

Unserem Fräulein Brandl konnte all das ziemlich egal sein, hatte sie es doch nun mit diesem Schreiben schwarz auf weiß, dass sie zu den „Entlasteten“ gehörte. Und das war wichtig, denn nur mit dieser Bescheinigung war es möglich, eine Wohnung zu mieten, ein Geschäft zu eröffnen, verbeamtet zu werden oder ein öffentliches Amt zu bekleiden. Manch einer, der etwas „braunen Dreck“ auf seiner weißen Weste hatte, konnte sich somit von seiner Vergangenheit reinwaschen – und so erhielt der Ausdruck „Persilschein“ in den späten 1940er Jahren eine neue Bedeutung.

Christian Haringer

Von Riesenzigarren und dem Kreszentiaheim

Keine Sorge, es geht hier nicht um Klosterschwestern, die heimlich hinter verschlossenen Klosterpforten rauchen. Das passt nicht zum frommen Leben im „Provinzhaus Heilig Kreuz“, wie das ehemalige Kreszentiaheim seit 1968 heißt. Die Klosterchronik beschwert sich viel mehr in ihrem Eintrag vom 24. Juli 1917 ironisch darüber, dass die Schwester der österreichischen Kaiserin Zita von Habsburg, eine Prinzessin von Parma, die sich für einige Tage im Kreszentiaheim aufhielt, „das Haus mit ihrem duftenden Zigaretten-Aroma erfüllt“ habe.

Im Mittelpunkt soll vielmehr die größte Zigarre der Welt stehen, das Luftschifft LZ 129 „Hindenburg“, seiner Zeit und bis heute das größte Luftschiff der Welt, etwa 3,5-mal länger als ein heutiger Airbus A380. Traurige Berühmtheit erhielt die „Hindenburg“ durch ihr spektakuläres Ende. Am 6. Mai 1937 geriet das Luftschiff bei der Landung im US-amerikanischen Lakehurst (New Jersey) in Brand und stürzte ab. 36 Menschen kamen ums Leben.

Ein Jahr vorher kreiste die „Hindenburg“ auch über Altötting. Am 17. März 1936 überquerte sie am frühen Abend das Kreszentiaheim. Voller technischer Begeisterung notierte die Chronistin des Klosters: „Die Riesenzigarre hat eine Länge von 248 m und eine Stundengeschwindigkeit von 135 km. Ein Meisterwerk deutscher Technik“. Es handelte sich noch um einen Testflug, denn erst zwei Tage später erfolgte der Überführungsflug von Friedrichshafen am Bodensee nach Berlin, wo die „Hindenburg“ am 19. März 1936 dem Auftraggeber, der „Deutschen Zeppelin-Reederei“ übergeben wurde.

Auch die Altöttinger Lokalpresse schwärmte von der „Riesenzigarre“, allerdings etwas völkischer als die Schwestern des Kreszentiaheims: „Ein Stück der friedlichen Aufbauarbeit unseres Führers, ein Künder deutschen Könnens und deutscher Zielstrebigkeit. So grüßten wir alle in heller Begeisterung und dankerfüllten Herzens die Schönheit und die imposante Gediegenheit des Schiffes.“ Der Fotografenmeister Hans Strauß hielt diesen Moment im Bilde fest und druckte zur Erinnerung an den Überflug Ansichtskarten. Schon ein Jahr später gab es LZ 129 nicht mehr. Mit der „Hindenburg“ ging auch der deutsche Traum der Luftschifffahrt in Flammen auf.

Christian Haringer

Vom „Stadtheiligen auf Zeit“

„Stadtpfarrer emeritus“ Günther Mandl bezeichnet bei Andachten, Predigten und Fürbitten den Hl. Bruder Konrad von Parzham gerne als den „Stadtheiligen Altöttings“, verbrachte doch dieser Kapuzinerbruder 41 Jahre seines Lebens an der Klosterpforte des damaligen St.-Anna-Klosters, das mittlerweile nach ihm benannt wurde. Nur die Geschäftigkeit eines millionenfach besuchten Wallfahrtsortes ließ in Bruder Konrad die Demut, Bescheidenheit und Opferbereitschaft reifen, die ihm später als heroischer Tugendgrad angerechnet wurde.

Mehr noch als Bruder Konrad hielt über die Jahrhunderte die Gottesmutter ihre schützende Hand über den Wallfahrtsort. Bekannt sind zum Beispiel die Darstellungen aus der „Schau“ im Marienwerk, wo einerseits das im Himmel schwebende Gnadenbild den Schweden und Franzosen den Übertritt über den Inn verwehrte, als sie während des 30-jährigen Krieges 1648 versuchten, die Stadt einzunehmen. Ein anderes Bild zeigt den Stadtbrand von 1712, der erst gelöscht werden konnte, als man das Gnadenbild feierlich aus der Kapelle zum Brandherd trug.

Und dann so was! Ein Andachtsbild aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt völlig unerwartet einen ganz anderen Heiligen, der sich anmaßt, in segnender Manier über Altötting zu kreisen – ausgerüstet mit Bischofsstab und Bischofsmütze. Das Bild stellt weder den Hl. Rupert dar, der laut Lokallegende das Gnadenbild seinerzeit nach Altötting gebracht haben sollte, noch den Hl. Nikolaus, der ja immer ein gern gesehener Gast ist, sondern vielmehr den Hl. Alphonsus Maria Liguori, einen Italiener aus Neapel (1696-1787).

Zwischen 1841 und 1873 war Liguori in Altötting hoch verehrt, war er doch der Gründer des Redemptoristen-Ordens, der in diesem Zeitraum eine Altöttinger Niederlassung im St.-Magdalena-Kloster unterhielt. Bei der Kirchenrenovierung 1843 kam es sogar soweit, dass die bestehenden Altarbilder der vorderen Seitenaltäre durch neue ersetzt wurden. Das linke Gemälde, geschaffen vom Münchner Künstler Josef Holzmaier, zeigt genau das Motiv des Andachtsbildes: Bischof Alphons schwebt, begleitet von zwei Engeln, über Altötting, gütig herabblickend und mit der rechten Hand segnend. Als die Redemptoristen 1873 Altötting verlassen mussten, nahmen sie das Altargemälde mit und hängten es in ihrer neuen Niederlassung in Gars am Inn wieder auf, wo es heute noch zu bestaunen ist.

Hoffen wir, dass der Segen dieses „Stadtheiligen auf Zeit“ immer noch anhält, auch wenn er mittlerweile 45 km von Altötting entfernt gespendet wird!

Christian Haringer

Von den Anfängen des Skifahrens in Altötting

Großbritannien eine Wintersport-Großmacht! Können Sie sich das vorstellen? Wohl kaum, denn außer „Eddie the Eagle“, der in den späten 1980er Jahren den Skisprung-Zirkus bereicherte, fallen dem Laien wohl kaum andere Namen ein. Und dennoch gab es eine Zeit, in der die Briten den Wintersport dominierten. Bei der allerersten Skiweltmeisterschaft der Geschichte, ausgetragen 1931 im Schweizerischen Mürren, stellten sie zum Beispiel mit Esme MacKinnon die mit Abstand erfolgreichste Teilnehmerin, die alle vier Wettbewerbe (Slalom, Abfahrt, Lange Abfahrt, Kombination) gewann. Kurioserweise musste sie bei der Langen Abfahrt unterwegs anhalten, um einen Beerdigungszug vorbeizulassen.

Zur gleichen Zeit steckte in Altötting der Skisport noch in den Kinderschuhen. Erst 1933 ist das Skifahren erstmals in den Unterlagen des Turnvereins erwähnt, als man den Vereinsmitgliedern empfahl, durch Rodeln, Schlittschuhlauf und eben Skilauf ihr Training im Winter abwechslungsreicher zu gestalten. Nach dem Krieg gab es 1947 die erste Stadtmeisterschaft mit Langlauf im Gries und Slalom in Graming. Als Sieger gingen Hans Lang und Ernst Noack hervor. 1970 wurde offiziell eine Ski-Abteilung innerhalb des TVA gegründet, die Adalbert Siebzehnrübl leitete.

Umso erstaunlicher ist es, dass bereits 1931, also im Jahr der ersten Ski-WM, der Bäckermeister Heinrich Beer zu Altötting ein Paar Ski kaufte, ob für sich selber oder für seinen damals 25-jährigen Sohn Alfons kann man nur erahnen. Die Rechnung vom 28.12.1931 hat sich erhalten und weist 20 Reichsmark für die Ski samt Bindung auf und noch einmal 5,80 Reichsmark für Stöcke mit Teller. Zum Vergleich: Die Maß Oktoberfestbier kostet 1931 1,10 Reichsmark. In Ermangelung eines Sportgeschäfts in Altötting bezog er seine Ausrüstung vom „Spezial-Geschäft Karl Ruf, Altötting, Neuöttinger Straße 54“, das neben den erwähnten Gegenständen laut Rechnungskopf auch noch Kummet und Geschirrteile anfertigte, Reisekoffer und Lederwaren auf Lager hatte (Karl Ruf war Sattlermeister) und zudem für Innendekorationen, das Verlegen von Linoleum, Vorhang-Arbeiten, Wandbespannungen, Tapezierarbeiten und alle Arten von Polstermöbeln zur Verfügung stand. Familie Beer dürfte somit sicher zu den Ski-Pionieren Altöttings zu zählen sein. Wo der Sport ausgeübt wurde, ist leider nicht überliefert. Bereits 1908 gab es den ersten Skilift im Schwarzwald, ab den 1920er Jahren erschloss die Eisenbahn die deutschen Alpen und erste Skischulen boten ihren Dienst den Touristen an. Vielleicht war ja auch Herr Beer unter ihnen.

Christian Haringer

Von der Währungsreform und den Versprechen der Sparkasse

Höhere Bankgebühren, Kündigung von Sparguthaben, Negativzinsen – die deutschen Sparer bangen zurzeit um die Zukunft ihrer Rücklagen. Um einiges unsicherer als der aktuelle Geldmarkt zeigte sich die Finanzlage nach dem 2. Weltkrieg. Durch Kriegsfinanzierung, Devisenbeschränkungen und Zwangsbewirtschaftung während der NS-Zeit hatte die Reichsmark zu Kriegsende quasi ihre Kaufkraft eingebüßt.

Es blühte auch in Altötting der Schwarzmarkt, speziell abends auf dem Michaeli-Friedhof, und amerikanische Zigaretten galten als Ersatzwährung, am beliebtesten war die Marke „Lucky strike“. Manch Bauernhof im Altöttinger Umland war sogar an einem großen Schwarzschlächter-Ring beteiligt, der ohne staatliche Genehmigung heimlich hunderte Kühe, Ochsen und Kälber schlachtete und die Fleischportionen unerlaubterweise in ganz Bayern vertrieb. Im März 1948 kam es zu einem Aufsehen erregenden Prozess vor dem „Mittleren US-Militärgericht Altötting“, bei dem 39 Personen angeklagt waren.

Vor diesem wirtschaftlichen Hintergrund entschlossen sich die drei westlichen Besatzungsmächte zu einer Währungsreform, deren Vorbereitung aber im Geheimen verlief und deren genaues Datum lange Zeit unsicher war.

Auch die Kreissparkasse Altötting-Burghausen rief in diesen ungewissen Zeiten im Sommer 1948 in einer „Postwurfsendung an sämtliche Haushaltungen“ die Altöttinger Bevölkerung auf, ihr Reichsmark-Barvermögen auf ein Konto einzuzahlen, denn „möglicherweise werden Guthaben gegenüber dem Bargeld eine bessere Behandlung finden.“ Leider eine Fehleinschätzung!

Ab dem 20. Juni 1948 gab es in der Trizone, der späteren BRD, die „Deutsche Mark“ als neue Währung. Die Umstellung verlief nach einem komplizierten Verfahren: Löhne, Gehälter und Mieten wurden 1:1 umgestellt, Schulden im Verhältnis 100:10 und Bankguthaben 100:6,5. Das gleiche Umtauschverhältnis galt auch für Bargeld – allerdings mit einer kleinen Ausnahme: Die kleinen Münzen bis zu 1 Reichsmark behielten ihre Gültigkeit und wurden 100:10 getauscht, also besser als die Scheine.

Bleibt also zu hoffen, dass die Altöttinger dem Sparkassen-Aufruf nur zum Teil nachgekommen sind und lediglich ihre Geldscheine zur Bank gebracht haben, ihre Münzen aber zuhause im Sparstrumpf behielten.

Christian Haringer

Von Schulprüfungen und Sittlichkeitspreisen

Heutzutage diskutiert man in Deutschland über ein einheitliches Abitur, sodass in allen Bundesländern die gleichen Anforderungen gestellt werden. Davon war man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts meilenweit entfernt. Die Abschlussprüfungen an den Altöttinger Volksschulen sahen so aus, dass die Jahresprüfungen öffentlich im Kongregationssaal abgehalten wurden. Die Lehrkräfte legten eine Übersicht der behandelten Themen aus und die Honoratioren der Umgebung stellten den Schülern selbstgewählte Fragen. Hervorragende Leistungen unter anderem in Religion, Sittlichkeit und guter Aufführung, jährlichem Fortgang, Glaubenslehre und biblischer Geschichte, Lesen und Schreiben wurden mit Buchpräsenten und Sachpreisen wie zum Beispiel Zeichenmaterialien belohnt. Diese öffentlichen Prüfungen wurden in Altötting bis 1879 durchgeführt, 1880 trat an ihre Stelle eine vom „Districtsschulinspektor“ geleitete Entlassungsprüfung.

Zwei Altöttinger Buchgeschenke aus den Jahren 1852 und 1853 haben sich erhalten. Beide bekam als „Sittenpreis“ der „hoffnungsvolle Schüler Heinrich v. Weckbecken-Sternfeld, k. b. Regierungsraths- und Kapelldirectors-Sohn von Altötting“. Im Namen der „k. Lokal- und Distr. Schul-Inspect.“ unterzeichneten Stadtpfarrer Georg Schmid und Schullehrer Johann Mösmang. Ob sich der hoffnungsvolle Heinrich wohl gefreut hat? 1852 erhielt er das Buch „Freuden des Christen in Gott und Religion. Ein vollständiges Gebetbuch für Katholiken“, im folgenden Jahr das Buch „Der Leidensweg unsers Herrn Jesu Christi. Ein Gebet- und Betrachtungsbuch für die heilige Fastenzeit.“

Heutigen Schulabgängern muss man schon etwas mehr bieten, ganz abgesehen davon, dass „Sittenpreise“ auch etwas aus der Mode gekommen sind.

Christian Haringer

Vom richtigen Bauplatz der Basilika

Die Basilika St. Anna ist der größte deutsche Kirchenbau des 20. Jahrhunderts und für die Altöttinger Wallfahrtsseelsorge unverzichtbar. Als Gottesdienstraum und auch als Veranstaltungsort leistet dieser Bau seit seiner Fertigstellung 1912 wertvolle Dienste. Dabei war seine Planung alles andere als unumstritten.

Nach den 300-Jahr-Feierlichkeiten der Marianischen Männerkongregation 1899 keimte in Altötting der Wunsch nach einem großen Versammlungsraum auf. Verschiedenste Optionen und Bauplätze wurden daraufhin in den nächsten Jahren ins Auge gefasst und wieder verworfen. So gab es Überlegungen, den Kongregationssaal abzureißen und durch einen größeren Bau, der auch den heutigen Papst-Benedikt-Platz und seine angrenzenden Gebäude umfassen sollte, zu ersetzen. Auch eine Verlängerung des Kongregationssaales nach hinten in den Klostergarten wurde erwogen.

Alternativ brachte man den damals letzten freien Bauplatz am Kapellplatz ins Spiel, der aber dann durch den Rathaus-Neubau 1908 belegt wurde. Auch ein Ersatzbau anstelle der heutigen Berufsfachschule für Musik in Richtung der später errichteten Kreuzweganlage wurde kurzzeitig diskutiert, ebenso ein freies Grundstück zwischen der Schlotthamer, Rupertus- und der damals noch nicht vorhandenen Bahnhofsstraße.

Letztendlich fiel die Wahl auf das jetzige Grundstück jenseits des Mörnbachs, was in der Stadt eine heftige Diskussion hervorrief. Die Gegner befanden den Bauplatz als zu weit abgelegen und befürchteten gleichzeitig, dass ein „neues Geschäftsviertel“ entstehen könnte, das den Devotionalienläden am Kapellplatz Konkurrenz machen würde. Der Streit wurde mit Hilfe kurioser Mittel ausgetragen, nämlich durch gedruckte Broschüren, die in der Stadt verteilt wurden. Es begann mit einer Rede des Guardians des St. Anna-Kloster Pater Joseph Anton Kessler am 7. Februar 1909, die anschließend unter dem Titel „Warum eine neue Kirche in Altötting?“ in Druck gegeben wurde. Die Gegner des Kirchenbaus reagierten daraufhin mit ihrem Heftlein mit dem Titel „Ist der Bau einer Wallfahrts-Kirche wirklich eine Notwendigkeit für Altötting?“. Bald darauf gab es die befürwortende Schrift „Eine wirkliche Antwort auf die Frage „Ist der Bau einer Wallfahrts-Kirche wirklich eine Notwendigkeit für Altötting?““. Die ablehnende Reaktion ließ nicht lange auf sich warten und hieß „Eine richtige Antwort auf die „wirkliche Antwort“ in der Kirchenbaufrage.“

Kaum auszumalen, wenn es damals schon Facebook oder Twitter gegeben hätte, die Kontrahenten hätten die ganze Welt an ihren Streitigkeiten teilnehmen lassen können!

Christian Haringer

Von Faschingsbällen und Tanzkarten

Altötting gilt nicht gerade als Faschingshochburg. Die Zahl der Bälle ist in den letzten Jahren daher auch deutlich zurückgegangen. Als Höhepunkt der Saison darf wahrscheinlich der „Ball der Vereine“ angesehen werde, bei dem sich das Kultur- und Kongressforum in einen Ballsaal verwandelt.

Ganz anders in früheren Jahrzehnten, wo jeder Verein, der etwas auf sich hielt, seinen eigenen Ball veranstaltete. Dies waren zum einen gesellschaftliche Ereignisse, zum anderen aber auch ein willkommener Anlass, seine Fühler zum anderen Geschlecht auszustrecken. Im Regelfall besuchte eine junge Dame in Begleitung ihrer Eltern den Ball. Am Eingang erhielt sie vom Veranstalter eine so genannte Tanz-Karte, in der alle Tänze des Abends aufgelistet waren. Wer nun bei dem Fräulein „landen“ wollte, der musste sich beeilen, um sich mithilfe eines Eintrages in dieser Karte einen Tanz zu sichern.

Der Märklstetter-Saal am Anfang der Neuöttinger Straße war die angesagte „Location“ in der Fünften Jahreszeit. Am 6. Februar 1927 wurde dort der „Turnerball“ des TV Altötting abgehalten. Die Gebrüder Geiselberger druckten dazu die Tanz-Karte, die eine Vielzahl von unterschiedlichen Tänzen beinhaltete: Walzer, Schottisch, Francaise, Shimmy-Fox, Rheinländer, Onestep usw. Auch einen „Turnerwalzer“ gab es. Eins war aber bei allen Tänzen gleich geregelt: „Linkstanzen verboten“ stand unübersehbar auf den Karten!

Leider haben sich auf unserer Karte keine Tänzer eingetragen. Lag es an der Besitzerin, den gestrengen Eltern oder mangelte es damals in Altötting schon an tanzfreudigen Männern?

Christian Haringer